
Wie wir mit Follmann einen KI-Verhandlungsassistent erstellt haben
Wie wir mit Follmann einen KI-Verhandlungsassistent erstellt haben.
Über Künstliche Intelligenz im Einkauf wird viel gesprochen. In der Praxis bleiben viele Initiativen jedoch bei Workshops, Ideensammlungen oder ersten Versuchen mit frei verfügbaren Werkzeugen stehen. Es fehlt die Verbindung zwischen technischer Möglichkeit, konkretem Einkaufsprozess und einem Arbeitsergebnis, das Einkäufer tatsächlich nutzen können.
Ein mittelständisches Industrieunternehmen wollte genau diese Lücke schließen. Statt zahlreiche KI-Ideen parallel zu verfolgen, sollte ein fachlich relevanter Anwendungsfall ausgewählt, konkret ausgestaltet und in die eigene Arbeitsumgebung überführt werden.
Die Entscheidung fiel auf einen Prozess mit unmittelbarer Bedeutung für den Einkauf: die Vorbereitung von Lieferantenverhandlungen.
Das Projekt im Überblick

Projektumfang
Die Herausforderung: Das Wissen war vorhanden, aber über viele Quellen verteilt
Eine professionelle Lieferantenverhandlung beginnt lange vor dem eigentlichen Gespräch. Einkäufer benötigen Informationen zu bisherigen Konditionen, Verträgen, Bestellungen, Lieferantenbewertungen, Marktentwicklungen, Risiken und internen Zielsetzungen.
Diese Informationen waren grundsätzlich vorhanden. Sie lagen jedoch in unterschiedlichen Dokumenten, Ordnern und Datenbeständen. Vor einer Verhandlung mussten die relevanten Inhalte manuell gesucht, bewertet und zu einer belastbaren Verhandlungsstrategie verdichtet werden.
Der zeitliche Aufwand war dabei nur ein Teil der Herausforderung. Mindestens ebenso wichtig war die Frage, ob alle relevanten Informationen berücksichtigt, richtig eingeordnet und in überzeugende Argumente übersetzt werden.
Der KI-Assistent sollte deshalb nicht autonom entscheiden oder Verhandlungen führen. Er sollte den Einkäufer bei einer klar umrissenen Aufgabe unterstützen: Informationen schneller auffindbar machen, Zusammenhänge fachlich einordnen und aus den verfügbaren Grundlagen ein strukturiertes Verhandlungsbriefing entwickeln.
Von 160 Möglichkeiten zu einem priorisierten Anwendungsfall
Bevor die konkrete Anwendung entwickelt wurde, untersuchte das Projektteam die gesamte Einkaufs- und SCM-Prozesslandschaft. Mehr als 160 mögliche KI-Anwendungen entlang von 56 Teilprozessen wurden identifiziert und in einer KI-Potenzialkarte strukturiert. Die betrachteten Einsatzfelder reichten von Ausgaben- und Lieferantenanalysen über Vertrags- und Risikomanagement bis zur operativen Bestellabwicklung.
Diese Analyse diente nicht dazu, eine möglichst lange Innovationsliste zu erstellen. Sie schuf eine Entscheidungsgrundlage: Welche Anwendung löst ein relevantes Problem? Welche Informationen sind verfügbar? Wo ist der Nutzerkreis klar bestimmbar? Und welcher Anwendungsfall lässt sich so konkretisieren, dass daraus ein nutzbares Ergebnis entsteht?
Die Vorbereitung von Lieferantenverhandlungen erfüllte diese Anforderungen. Der Prozess war fachlich relevant, wiederkehrend und informationsintensiv. Gleichzeitig ließ sich das gewünschte Ergebnis eindeutig beschreiben: ein entscheidungsreifes Briefing als Grundlage für die Verhandlungsstrategie.

Aus Informationen wird ein verhandlungsfähiges Briefing
Für den ausgewählten Anwendungsfall wurde die fachliche Logik detailliert ausgearbeitet. Abhängig von der Verhandlungsart und der jeweiligen Warengruppe soll der Assistent die relevanten Informationen aus den vorgesehenen Quellen zusammenführen.
Die Anwendung beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe gefundener Inhalte. Der Assistent soll Informationen verdichten und in eine für die Verhandlung nutzbare Struktur überführen. Das Briefing enthält mögliche Argumentationslinien, eine Betrachtung der besten Handlungsalternative, verfügbare Verhandlungshebel und Vorschläge für die weitere Strategie.
Nach Erstellung des Briefings kann der Einkäufer in weitere Arbeitsweisen wechseln. Dazu gehören fachliches Informationssparring, die strukturierte Aufschlüsselung möglicher Hebel und eine Verhandlungssimulation. Der Assistent kann dadurch Gegenpositionen aufzeigen, Argumentationen hinterfragen und die Vorbereitung unterschiedlicher Gesprächsverläufe unterstützen.
So entstand kein allgemeiner Chatbot, sondern ein auf einen definierten Einkaufsprozess ausgerichteter digitaler Arbeitsbegleiter.
Der entscheidende Schritt: Umsetzung in der Kundenumgebung
Viele KI-Vorhaben enden mit einem Demonstrator, der außerhalb der tatsächlichen Arbeitsumgebung funktioniert. In diesem Projekt wurde der entwickelte Verhandlungsassistent deshalb in der Kundenumgebung mit kundeneigenen Datenbeständen und Ordnerstrukturen in Microsoft Copilot vorgestellt.
Dieser Schritt machte sichtbar, welche Voraussetzungen für die praktische Nutzung entscheidend sind. Der Nutzen eines Einkaufsagenten hängt nicht allein vom verwendeten Sprachmodell ab. Ebenso wichtig sind die zugänglichen Informationsquellen, die Qualität und Struktur der Daten, die fachliche Entscheidungslogik sowie die Einbettung in den bestehenden Arbeitsablauf.
Damit wurde der Übergang von einer allgemeinen KI-Diskussion zu einer konkreten, unternehmensbezogenen Anwendung vollzogen.
Ergebnisse und Mehrwert
> 160
1 Anwendungsfall
Erprobt
Was sich verändert hat.
Das Unternehmen verfügt über eine strukturierte Übersicht der KI-Potenziale in Einkauf und SCM sowie über einen konkret ausgearbeiteten Verhandlungsassistenten. Die Anwendung verbindet Informationsrecherche, fachliche Verdichtung und methodische Verhandlungsvorbereitung.
Der wichtigste Projekterfolg liegt in der Umsetzung: Aus mehr als 160 möglichen Anwendungen wurde ein klar umrissener Anwendungsfall ausgewählt, fachlich beschrieben, als Agentenkonzept ausgestaltet und in der Kundenumgebung mit unternehmenseigenen Informationen erprobt.
Veröffentlichbare Angaben zur eingesparten Vorbereitungszeit, zum Verhandlungserfolg oder zu finanziellen Effekten liegen bislang nicht vor. Diese Wirkungen sollten erst nach einer systematischen Nutzung und Messung als realisierte Ergebnisse kommuniziert werden.
Was andere Unternehmen daraus lernen können
KI-Initiativen sollten nicht mit der Technologie beginnen, sondern mit einem konkreten Arbeitsproblem. Je klarer Prozess, Nutzer, Informationsquellen und gewünschtes Ergebnis beschrieben sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer nutzbaren Anwendung.
Nicht die Zahl möglicher Anwendungsfälle entscheidet über den Erfolg. Entscheidend ist die Fähigkeit, einen relevanten Anwendungsfall auszuwählen und ihn konsequent bis in die eigene Daten- und Arbeitsumgebung zu überführen.
Gerade im Einkauf sollte KI zunächst vorbereiten, strukturieren und fachliches Sparring ermöglichen. Die Verantwortung für Bewertung und Entscheidung bleibt bei den erfahrenen Einkäufern.
Die Rolle von 
amc verband Einkaufsmethodik, Prozesswissen und Agentenkonzeption. Der Beitrag reichte von der Analyse der Einkaufs- und SCM-Prozesse über die Bewertung und Priorisierung der KI-Anwendungsfälle bis zur fachlichen Ausgestaltung des Verhandlungsassistenten.
Am Ende stand nicht nur eine KI-Roadmap, sondern eine konkrete Anwendung, die auf einen definierten Einkaufsprozess, ein klares Arbeitsergebnis und die kundeneigene Informationsumgebung ausgerichtet ist.
Parlons de vos défis

